Musik.Ger-FAQ: "Wie werden die Charts ermittelt ?"

Ermittlungverfahren der Deutschen Top-100-Charts [FL]
Die Positionen 1 bis 50 der Single-Top 100 sind reine Verkaufscharts. Die Positionen 51 bis 100 hingegen entstehen durch Zusammenführung von Verkäufen im Fachhandel plus Rundfunkeinsätzen wie folgt: Position 51 ergibt sich aus 25 Prozent Airplay und 75 Prozent Verkauf, Position 52 aus 26 Prozent Airplay und 74 Prozent Verkauf ... Position 100 schließlich aus 75 Prozent Airplay und 25 Prozent Verkauf. In den letzten Jahren hat es einen dramatischen Einbruch bei den Singleverkäufen gegeben, der erst jetzt mit der Durchsetzung der CD-Single auf dem Markt gebremst zu sein scheint. Um aber die Single-Top-100 statistisch abgesichert präsentieren zu können, reichte die Erfassung von Verkufszahlen - wie sie anfangs die Grundlage war - nicht mehr aus.

Deshalb war es ab August 1989 notwendig, neben des Basissystem der Ermittlung von Verkäufen noch eine zweite Datenbasis einzuführen. Wie es seit Jahren bereits in den USA gehandhabt wird, erfolgt seither auch in der Bundesrepublik eine Berücksichtigung der Hörfunkeinsätze - im Fachjargon Airplay genannt.

Die Top-100-Charts sind Titellisten. Das bedeutet, daß die Singles, Maxisingles und CD-Singles sowie alle Longplays - CD, DCC, MD, MC und LP - titelweise zusammengefaßt werden. Jede Produktion hat eine Chance, sich in den Hitparaden zu plazieren, gleichgültig, ob sie deutschsprachig ist oder nicht, zu Pop oder Klassik gehört, vokal oder instrumental ist.

Aber es gibt eine Ausnahme: Ausgeschlossen sind Longplays. deren offizieller Abgabepreis an den Handel ohne Mehrwertsteuer und ohne Spendenanteil 8,30 DM für LP/MC, 14 DM für Doppel-LP/MC, 15.80 DM für CD/DCC/MD und 25 DM für Doppel-CD/DCC/MD unterschreitet.

Sogenannte Compilations oder Hitzusammenstellungen von mehreren Interpreten werden gesondert behandelt und als eigene Liste geführt. Inzwischen hat es auch dort eine Verbesserung gegeben: Die Auflistung der "One Artist Charts" ist auf 100 Titel erweitert worden. Hitzusammenstellungen sind in einer eigenen Liste mit 20 Positionen einschließlich ihrer eigentlichen Plazierung innerhalb der 100er-Liste dargestellt.

Die Verkaufergebnisse werden mit folgendem System ermittelt: Basis ist ein sogenanntes Händlerpanel: Wöchentlich werden von Media-Control über 1000 Fragebogen an Tonträger-Fachhändler in Deutschland verschickt. Der Fragebogen für Singles enthält 92 vorgedruckte Titel sowie zehn freie Felder, der für Longplays 106, dazu zehn Freifelder, in die der Händler diejenigen nach seiner Erfahrung sich gut verkaufenden neuen Titel einträgt, die noch nicht in der vorgedruckten Liste enthalten sind. Der Händler beziehungsweise sein Mitarbeiter sind gebeten, in diesen Fragebogen die jeweils verkaufte Stückzahl pro Woche in den einzelnen Kategorien wie Single, CD-Single, DCC, MD, MC oder LP einzutragen.

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, daß nicht etwa persönliche Prognosen über zu erwartende Verkäufe abgegeben oder der eigene Geschmack ins Spiel gebracht, sondern die Zahl der tatsächlich abgesetzten Tonträger vermerkt werden soll.

Etwa 550 bis 600 Fragebogen kommen jeweils nach einer Woche ausgefüllt zu Media-Control zurück. Sie werden dort von einem Computer maschinell gelesen.

In die Verkaufszahlen-Ermittlung laufen inzwischen zusätzlich EDV-Daten aus Kassenterminals und computergestützten Warenwirtschaftssystemen ein, wie sie im Handel im Einsatz sind. Die weitere Verbreitung von Phono-net wird zukünftig vermehrt EDV-Verkaufsdaten für die Ermittlung zur Verfügung stellen können. Mit ihnen ist ein genaueres Bild des Marktgeschehens möglich. Hinzu kommt, daß auf diese Weise dem Händler die doch erhebliche Mühe des wöchentlichen Ausfüllens der Fragebogen erspart bleibt.

Inzwischen gehen in Baden-Baden wöchentlich EDV-Daten aus rund 250 Geschäften zusätzlich ein, die nach allen Kriterien des Datenschutzes ausschließlich für die Erstellung der Charts genutzt werden. Insgesamt werden die Verkäufe von 800 bis 900 Geschäften oder Filialen herangezogen.

Würden die über zurückkommende Fragebogen und EDV-Meldungen festgestellten Verkaufszahlen einfach addiert und ausgewiesen, gäbe das ein schiefes Bild des Gesamtmarktes, weil bestimmte Regionen oder Umsatzgrößen einzelner Händler nicht ausgeglichen berücksichtigt werden. Das im Plakat ausgewiesene Ergebnis soll jedoch repräsentativ sein, das heißt, es soll den gesamten Markt widerspiegeln. Deshalb wählt ein kompliziertes Computerprogramm von den vorliegenden Fragebogen so viele aus, wie nach Regionen und Händlergröße zusammenpassen. Welcher Fragebogen dann in die Endauswahl kommt, entscheidet der Computer per Zufallsgenerator.

Daraus ergibt sich dann die Titelrangfolge des Systems Verkauf. Es ist gleichbedeutend mit der Rangfolge der Top 100 + 20 für Longplays und der Top 50 bei Singles. Die anderen 50 Titel werden wie schon oben beschrieben mit der Titelrangfolge des Rundfunkeinsatzes (Airplay) kombiniert.

Das System Airplay dient - wie bereits ausführlich dargelegt - aus schließlich der Absicherung der Positionen 51 bis 100 in der Single-Top-100. Ziel der Erfassung der Rundfunkeinsätze ist die repräsentative Abbildung der Musiknutzung des Hitrepertoires im Hörfunk der Bundesrepublik.

Wie beim System Verkauf ist es auch hier nicht erforderlich, alle existierenden Programme zu überwachen. Bei der Erfassung kommt es auf die Reichweite, die Programmstruktur und die Unabhängigkeit der Sender bei ihrer Programmgestaltung an. Es werden prinzipiell sowohl öffentlich-rechtliche als auch private Stationen berücksichtigt. Durch Konzentration auf Programme mit hohen Reichweiten nähert sich die Airplay-Stichprobe bereits einer totalen Erfassung (Vollerhebung) an. Die aktuelle Liste der ständig beobachteten Programme und Sendezeiten liegt dem Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft vor. Sie ist jedermann zugänglich.

Die wöchentliche Überwachung der Rundfunkeinsätze erfolgt durch Media-Control in Baden-Baden. Das geschieht nur für solche Singletitel, die sich für die Erfassung qualifiziert haben. Jeder bislang nicht registrierte Titel, der in einer Woche mindestens fünf Prozent der Händlermeldungen aus dem System Verkauf erzielt, ist damit vier Wochen lang für die Airplay-Überwachung qualifiziert. Ferner wird jeder in den Top 100 plazierte Titel mindestens zwei Wochen lang beobachtet.

Bei möglichen Engpässen in der Rundfunküberwachung kann die Anzahl der durch Verkaufsmeldungen neu qualifizierten Titel eingeschränkt werden. Nummern, die erstmals in die Airplay- Überwachung gelangen, werden auf einem Beiblatt bei der Versendung der neuen Fragebögen an den Handel mit dem Hinweis "Neu in Warteposition" in alphabetischer Reihenfolge angegeben.

Die Airplay-Überwachung für die Single-Top-100 erfolgt völlig unabhängig von den normalen Überwachungsaufträgen, die Media- Control durch die Industrie bekommt. Voraussetzung für die Überwachung eines qualifizierten Titels ist es, daß bei Media-Control rechtzeitig ein Belegexemplar vorliegt. Die Bemusterung Media-Controls mit einem potentiellen Top-100-Einsteiger ist eine Bringschuld der Repertoireinhaber beziehungsweise von deren Vertriebspartnern. Für die Airplay-Überwachung müssen häufig mehrere Versionen eines Singletitels je nach Tonträgerart berücksichtigt werden.

Für jede Single muß bei Media-Control ein Belegexemplar vorliegen, wenn eine einwandfreie Einbeziehung in den Auswertungsprozeß sichergestellt werden soll. Gibt es für eine oder mehrere dieser Versionen noch weitere Varianten wie beispielsweise Remixes, Radioversions und andere, wird Media-Control rechtzeitig mitgeteilt, welche der Varianten gezählt werden soll.

Die Airplay-Erfassung erfolgt seit Jahren erfolgreich mit einem Computersystem, das die Titel anhand von Merkmalen identifiziert, die noch am ehesten mit Fingerabdrücken zu vergleichen wären. Die maschinell vorgenommene Identifikation des jeweiligen Titels setzt allerdings voraus, daß er mindestens zwei Minuten ununterbrochen gesendet wird und während dieser Zeit nicht durch Übersprechen der Ansager, atmosphärische Störgeräusche und ähnliche Beeinträchtigungen in seinem ursprünglichen Frequenzbild verändert wird. Die Airplay-Überwachung der Titel erfolgt rund um die Uhr und die ganze Woche lang jeweils von Sonnabendmorgen bis Sonnabendmorgen.

Die vom Computer erfaßten Einsätze einer jeden Nummer werden mit der Reichweite der einzelnen Sender gewichtet, um die Zahl der Hörer berücksichtigen zu können. Die so bewerteten Einsätze einschließlich aller Versionen eines Titels werden über alle Programme addiert. Daraus resultiert schließlich die Rangfolge der Titel nach dem System Airplay, die mit dem Ergebnis des Systems Verkauf kombiniert wird und die Positionen 51 bis 100 der Single-Top-100 ergibt.

Die Mitarbeiter des Fachhandels stehen bei der Chartsermittlung im Mittelpunkt und haben nichts an Gewicht eingebüßt. Gerade die sogenannten kleinen und mittleren Fachhändler sind dabei unverzichtbar. Durch die neuen Bundesländer und den dort tätigen Fachhandel hat sich der Kreis der zu Befragenden erheblich erweitert.


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